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Herrschaft

Im Zeitalter der Gotik
zeigte man mit Türmen,
wer die Herrschaft hatte.

 

Von Türmen
als Zeichen der Herrschaft
gingen deutliche Signale aus:
symbolische, sichtbare
und mitunter auch hörbare.

Oben stehen

Wer herrscht, steht oben. Von dort aus sieht man und wird gesehen, und man steht über den meisten anderen.

Natürliche Erhebungen sind eine Möglichkeit, dauerhaft höher zu stehen, als es die Bodenebene erlaubt.

Wo keine Anhöhen, Hügel oder Berge sind - oder nicht an der gewünschten Stelle - hat der Mensch nachgeholfen: mit Türmen.

Wie alt diese Kulturleistung ist, bezeugen besonders beständige, steinerne Turmbauten:
Zum Beispiel im Mittelmeer-Raum der Jungsteinzeit (vor etwa 9.000 Jahren),
Reinhard Dietrich via Wikimedia Commons
Turm von Jericho, 9. Jahrtausend v. Chr. (Westjordanland, Palästinensische Autonomiegebiete).

... in den mesopotamischen Reichen (vor etwa 3.000 Jahren)
Zereshk via Wikimedia Commons
Zikkurat von Tchogha Zanbil, 1250 v. Chr. (Provinz Khuzistan, Iran).

... und in der griechisch-römischen Antike (vor etwa 2.000 Jahren).
Georg Zumstrull via Wikimedia Commons
Turm der Winde, 1. Jahrhundert v. Chr. (Athen, Griechenland).

Weit sehen

Frühe Türme, die in unseren Breiten überdauert haben, sind steinerne Wach- und Wehrtürme (lateinisch: burgi) aus römischer Zeit. Solche Türme boten Ausblick auf potenzielle Gefahren und waren als Rückzugsorte gut zu verteidigen.

VollwertBIT via Wikimedia Commons
Nordwestlicher Eckturm der römischen Stadtbefestigung (ca. 50 n. Chr.), genannt Römerturm, in Köln (Nordrhein-Westfalen, Deutschland).
Im Mittelalter übertrug man das erfolgreiche Konzept des Wehrturms auf Klein- bzw. Turmburgen.

Kleinburgen bestanden meist nur aus einem hölzernen Turm und prägten bis ins hohe Mittelalter die Burgenlandschaft. Standorte konnten natürliche Höhenlagen sein. Oft wurde der Bau aber auch auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel errichtet, der von einem Graben umgeben war: eine Turmhügelburg, auch bezeichnet als Motte (gesprochen „Mott“, aus dem Französischen).

Barbara Brunner via Wikimedia Commons
Rekonstruktion einer Turmhügelburg (Motte) mit Dorf. Slawische Frühmittelaltersiedlung im Geschichtspark Bärnau-Tachov (Landkreis Tirschenreuth, Oberpfalz, Bayern, Deutschland).

Ehemalige Turmhügelanlagen sind, ebenso wie viele Burgställe, zumeist kaum oder gar nicht mehr sichtbar. Um sie in der Landschaft „lesen“ zu können, sind Vorkenntnisse nötig. Standorte müssen dafür historisch bzw. (boden)archäologisch identifiziert werden.

Im Landkreis Rottal-Inn sind Überreste von Turmhügeln erhalten, so wie der „Sitz Höhenberg“ bei Nöham und das „Alte Schloss“ Satzing bei Gangkofen.
Im Landkreis Passau finden sich in einem Wald bei Kößlarn Reste einer Turmburg:

Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts wurden Turmburgen zunehmend auch aus Stein errichtet und später mitunter zu großen Burganlagen mit mehreren Bauelementen und Funktionen ausgebaut.

Carsten Steger via Wikimedia Commons
Veste Oberhaus, Veste Niederhaus, Wallfahrtskirche St. Salvator (Passau, Niederbayern)

Carsten Steger via Wikimedia
Burg zu Burghausen und Wöhrsee (Burghausen, Landkreis Altötting, Oberbayern)

Andrzej Otrębski via Wikimedia Commons
Landshut, im Vordergrund die Burg Trausnitz [Ausschnitt]

Gesehen werden

Der Wehrturm einer Turmburg hatte nicht nur den praktischen Aspekt der weiten Sicht ins Land: Als Landmarke war er auch von Weitem sichtbar und verwies auf die das Land beherrschende Macht. Damit war der Wehrturm ein Zeichen weltlicher Herrschaft von Adeligen und Ministerialen (in herrschaftlichem Dienst stehende Beamte).

Wehrtürme konnten auch in größere Befestigungsanlagen eingegliedert sein. Manchmal blieb ihnen auch dann ihre „Doppelfunktion“ von Schutz/Verteidigung und Repräsentation erhalten.
C.Stadler/Bwag via Wikimedia Commons
Spätgotischer Wehrturm Perchtoldsdorf, ehemals Teil einer Burgbefestigung (Bezirk Mödling, Niederösterreich).

Mitunter blies ein Türmer von seiner Turmkammer aus Stundensignale und sorgte damit zusätzlich für eine akustische Wahrnehmung des Turmes als Instanz.
Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg, GNM Nürnberg
Hausbücher der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen: Bruder Turner (Durner; Türmer; Türner); Amb. 317.2° Folio 54 verso (Mendel I)

Es kam aber auch vor, dass Wehrtürme einfach nicht mehr benötigt wurden. Dann wurden sie mitunter umgenutzt – auch zu Kirchtürmen.

Mit dem Anbau eines Kirchenschiffs wechselten die praktische Funktion und der Machtverweis vom weltlichen in den sakralen Bereich. Der einstige Wehrturm verwies nun auf die „Macht Gottes“, für die der Kirchenbau steht.

Ein Beispiel ist der Turm der Pfarrkirche St. Stephanus in Triftern, der älteste im Landkreis Rottal-Inn bekannte Kirchturm.

Die ältesten Teile des Kirchturms sind im Sockel erhalten und gehen auf einen Wehrturm innerhalb einer Burganlage in Triftern zurück.
Dionys Asenkerschbaumer
Triftern, Landkreis Rottal-Inn.

Im 13. oder 14. Jahrhundert wurde der Wehrturm als Kirchturm adaptiert und auf dem vorhandenen Quadersockel ein Turm in Ziegeltechnik errichtet.
Dionys Asenkerschbaumer
St. Stephanus in Triftern

Aufgrund der Buckelquader-Bauweise - typisch für das 12./13. Jahrhundert - in der unteren Zone werden die Ursprünge des Turms um 1170 datiert.
Dionys Asenkerschbaumer
Buckelquader am Kirchturm in Triftern.

Wkimedia Commons
Hartmann Schedel: Schedelsche Weltchronik, Nürnberg 1493 (Anton Koberger). Blatt 199v/200r, Ansicht von Passau.

Hoch hinaus

In der Stadt

Türme werden im Mittelalter zu Status-Symbolen. Kirchtürme, Burgtürme und bürgerliche Wohntürme erlangen Bedeutung als Bauten, um Macht zu zeigen – und neue Verteilungen von Macht. Denn im 14. und 15. Jahrhundert wird die Macht im Heiligen Römischen Reich neu verhandelt: Kaiser, Reichsfürsten und das aufstrebende Bürgertum in den Städten konkurrieren miteinander.

Die jeweiligen Inhaber der weltlichen Gewalt dokumentieren ihren Machtanspruch auch mit dem Bau mächtiger Türme – „das große Thema der süddeutschen Architektur (...) zu dieser Zeit (…).“ (Norbert Nussbaum)

Wie Geltung mit profanen städtischen Turmbauten dargestellt wurde, machen z. B. die gotischen Geschlechtertürme in Regensburg deutlich.
Rufus46 via Wikimedia Commons
Baumburger Turm, ein Geschlechterturm in Regensburg (Oberpfalz, Bayern, Deutschland)

Gebaut wurde nach norditalienischen Vorbildern. Neben einer gewissen Schutzfunktion lag der Hauptsinn von Geschlechtertürmen in der Repräsentation konkurrierender Patrizierfamilien.
LigaDue via Wikimedia Commons
Geschlechtertürme in San Gimignano (Toskana, Provinz Siena, Italien)

Auch mit Türmen von Sakralbauten konnte Macht demonstriert werden – weltliche wie geistliche.

Türme von Stadtkirchen dienten vom 14. bis ins 16. Jahrhundert zur Bezeichnung der jeweiligen Stadtherrschaft.

Auch das aufstrebende Bürgertum setzte dabei eindrucksvolle Akzente. 

Im bürgerlichen Kontext steht der 1320 vollendete Turm des Freiburger Münsters, damals eine vorwiegend von der Bürgerschaft verwaltete Pfarrkirche.
Oberth via Wikimedia Commons
Münster Unserer Lieben Frau in Freiburg im Breisgau (Baden-Württemberg, Deutschland)

Auch der Turm des Ulmer Münsters (geplant ab 1392 vom Baumeister Ulrich von Ensingen) wurde von den Bürgern der freien Reichsstadt errichtet.
Tilman2007, re-darkened by Ulamm (talk) 23:47, 23 January 2018 (UTC), via Wikimedia Commons
Münster Unserer Lieben Frau in Ulm (Baden-Württemberg, Deutschland)

Bei Kathedralen waren Bischöfe gleichzeitig die Bau- und die Stadtherren.

Kirchenbauten mit der Eigenschaft einer Kathedrale können, je nach Kontext ihrer kirchlichen Bedeutung, auch als "Dom" oder "Münster" bezeichnet werden.
Der Regensburger Dom, dessen Zweiturmfassade 1341 begonnen wurde (1514 Einstellung des Baus), ist eine Kathedrale,
Hpschaefer http://www.reserv-art.de, via Wikimedia Commons
Dom St. Peter in Regensburg (Oberpfalz, Bayern, Deutschland)

... ebenso wie das Straßburger Münster (Aufsatz des Südturms ab 1399 durch Ulrich von Ensingen, Helm: 1437 von Johannes Hültz).
Diliff via Wikimedia Commons
Münster Unserer Lieben Frau in Straßburg; fr.: Cathédrale Notre-Dame de Strasbourg (Elsass, Frankreich)

Einige spektakuläre gotische Kirchtürme verdanken sich dem Repräsentationswillen von Kaisern des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.

So der unvollendete Südturm des Prager Veitsdoms (ab 1392 von Peter Parler)
GlobusBelarusi, derivative work: Rabanus Flavus, via Wikimedia Commons
Veitsdom auf der Prager Burg (Prag, Tschechien)

... sowie der Turm des Wiener Stephansdoms (bald nach 1359 grundgelegt, 1450 vollendet)
C.Stadler/Bwag via Wikimedia Commons
Stephansdom in Wien, Westansicht (Wien, Österreich)

... und der Turm des Kaiserdoms St. Bartholomäus in Frankfurt am Main (ab 1415 von Madern Gerthner), in dem ab Mitte des 16. Jahrhunderts Wahl und Krönung römisch-deutscher Kaiser stattfanden.
rupp.de via Wikimedia Commons
Kaiserdom St. Bartholomäus in Frankfurt am Main, Westturm (Hessen, Deutschland)

Hoch hinaus - in der Residenzstadt

Die wittelsbachischen Landesherren des Herzogtums Bayern-Landshut setzten im 15. Jahrhundert gleich eine ganze Reihe von Turmbauprojekten um. Damit zeigten die „Reichen Herzöge“ ihre Macht in ihnen unterstellten Städten – häufig auch in solchen mit Residenzen.

Den Anfang machte Neuötting, wo der Baumeister der Pfarrkirche St. Nikolaus, Hans von Burghausen, zwischen 1410 und 1429 den Turm errichtete. Mit seinem quadratischen Unterbau, aufgesetztem Achteckgeschoß (Oktogon), Eckstreben und Spitzhelm reduziert dieser Backsteinbau die Formenvielfalt der Türme von Prag und Wien auf ein einfaches Grundschema.
Ferdinand Schönwetter via Wikimedia Commons
Michael Wening: Historico-Topographica Descriptio (entstanden 1692 bis nach 1718): Neuötting

Konrad Lackerbeck, derivative work: Rabanus Flavus, via Wikimedia Commons
Pfarrkirche St. Nikolaus in Neuötting (Landkreis Altötting, Oberbayern, Deutschland)

In mehr oder weniger reicher Ausformung findet man dieses Schema - quadratischer Unterbau, Achteckaufsatz und Spitzhelm - ebenso an mehreren Türmen der herzoglichen Residenzstadt Landshut: Bei St. Martin (1441 ‒ nach 1500), Heilig-Geist (1407 ‒ um1467) und St. Jodok (1438 ‒ ca. 1480 fertiggestellt).

Stefan Oemisch via Wikimedia Commons
Stadtpfarrkirche St. Martin und Kastulus, genannt Martinskirche, in Landshut (Niederbayern, Deutschland)

H. Helmlechner via Wikimedia Commons
Pfarrkirche St. Jodok in Landshut (Niederbayern, Deutschland)

kandschwar via Wikimedia Commons
Heilig-Geist-Kirche bzw. Spitalkirche Heilig Geist in Landshut (Niederbayern, Deutschland)

Nach diesem Muster wurde auch der 1492 begonnene Turm von St. Stephan in Braunau am Inn errichtet, damals ebenfalls bayerisch-herzogliche Residenzstadt (heute Oberösterreich).

Der Braunauer Tuffsteinbau ist aufwändig mit verschiedenen Maßwerkformen geziert – das ließ man sich etwas kosten.
Gerd Eichmann via Wikimedia Commons
Turm der Stadtpfarrkirche St. Stephan in Braunau am Inn (Oberösterreich, Österreich)

Ein Vergleich des prächtigen Pfarrkirchturms in Braunau mit dem im finanzschwächeren herzoglichen Markt Eggenfelden zeigt den Unterschied: Beim Eggenfeldener Turm sind die glatten Backsteinwände kaum gegliedert.

Doch Höhe, steinerner Helm und begleitende Ecktürmchen verhelfen dem Eggenfeldener Turm im Rottal zu einer ähnlichen Fernwirkung, wie sie der Braunauer Turm im Inntal hat.
Reinhard Dietrich via Wikimedia Commons
Pfarrkirche St. Nikolaus und Stephanus in Eggenfelden (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)

Hoch hinaus - auf dem Land

Was in der Stadt modern ist, kann es bald auch auf dem Land werden. So folgten die Pfarrkirchen der herzoglichen Märkte Eggenfelden und Pfarrkirchen im heutigen Landkreis Rottal-Inn dem Beispiel der größeren Städte. Das Schema eines Kirchturms mit quadratischem Unterbau, Achteckaufsatz und Spitzhelm war dann auch hier ein Muss.

Turm der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Pfarrkirchen (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Pfarrkirchen (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Turm der Pfarrkirche St. Nikolaus und Stephanus in Eggenfelden (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Pfarrkirchen (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)

Auch die zahlreichen Dorfkirchen, die im 15. und 16. Jahrhundert zwischen Rott und Inn erbaut bzw. erneuert wurden, erhielten nun beeindruckende Türme, die meist in kleinerer Ausführung dem Muster der Stadtkirchen folgten.
Filialkirche St. Leonhard in Gambach (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Rupert in Hirschhorn (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Filialkirche St. Johannes der Täufer in Kühbach (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Filialkirche St. Martinus in Martinskirchen (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Mauritius in Münchham (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Nikolaus in Nöham (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Rogglfing (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Stephan in Stubenberg (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Filialkirche St. Laurentius in Unterdietfurt (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Filialkirche St. Nikolaus in Weinberg (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Ering (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)

Öfters nutzte man für die architektonische Modernisierung von Dorfkirchtürmen ältere romanische Viereckstürme, denen man ein zusätzliches Achteckgeschoß aufsetzte. Das Prinzip, ältere Türme als Basis für neuere zu „recyceln“, ist dasselbe wie beim Pfarrkirchturm in Triftern.
Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Dietersburg (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Erlach (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Filialkirche St. Johannes der Täufer in Noppling (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Neukirchen bei Pfarrkirchen (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)

Himmelwärts

Der Trend

Wallfahrten waren wichtig, in frommer Hinsicht (Bitte, Dank, Vergebung, Segnung) und in kommerzieller (Wirtshäuser, Herbergen, Devotionalienhandel).

Türme an Wallfahrtskirchen hatten deshalb zugleich praktische und werbende Funktion. Sie wiesen Pilgernden schon aus weiter Ferne den Weg und sie waren ein Mittel der Repräsentation: sie zeigten den wirtschaftlichen Erfolg eines Gnadenortes an, was als Ausweis für die dort zu erwartenden positiven Wirkungen galt. So erfasste die Architekturmode hoher Türme auf dem Land insbesondere Wallfahrtskirchen, sie ragen dort buchstäblich heraus.

Im Landkreis Passau finden sich folgende markante Beispiele:

Bei der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Grongörgen hatte man 1468 - entgegen älteren Planungen - mit dem Bau eines Turms begonnen, der sich im Verhältnis zum eher kleinen Kirchenraum riesig ausnahm.
Konrad Lackerbeck via Wikimedia Commons
Wallfahrtskirche St. Gregor in Grongörgen (Haarbach, Landkreis Passau, Niederbayern, Deutschland)

Es folgte die Wallfahrtskirche St. Leonhard in Aigen am Inn (um 1500 vollendet).
Konrad Lackerbeck via Wikimedia Commons
Wallfahrtskirche St. Leonhard in Aigen am Inn (Bad Füssing, Landkreis Passau, Niederbayern, Deutschland)

Kurz darauf wurde die Wallfahrt zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Kößlarn etabliert (1509).
Konrad Lackerbeck via Wikimedia Commons
Wehrkirche und Wallfahrtskirche Heiligste Dreifaltigkeit in Kößlarn (Landkreis Passau, Niederbayern, Deutschland)

Den Höhepunkt dieser Entwicklung bilden die beiden in Sichtverbindung stehenden, sehr ähnlichen Türme der Wallfahrtsorte Schildthurn und Taubenbach (beide um 1530 vollendet), beide im Landkreis Rottal-Inn.

Hinsichtlich Höhe und Bauschmuck können sie mit den Türmen der Städte konkurrieren, während die Größe des eigentlichen Kirchengebäudes einer Dorfkirche entspricht.
Der Turm der Schildthurner Wallfahrtskirche St. Ägidius ...
Wallfahrtskirche St. Ägidius in Schildthurn (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)

... und jener der Wallfahrtskirche St. Alban in Taubenbach.
Wallfahrtskirche St. Alban in Taubenbach (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)

Tradition

Viereckige Türme waren in der Spätgotik gestern; zeitgemäßer Turmbau hieß damals: Ein Achteckgeschoß auf einem viereckigen Unterbau.

Doch es gibt auf dem Gebiet des Landkreises auch reine Viereckstürme, die damals neu gebaut wurden – sozusagen in einer Art Retro-Stil.

Solche spätgotischen Türme folgen dem Schema älterer (später oft veränderter) romanischer Bauten, wie sie im Landkreis Rottal-Inn mancherorts zu finden sind, z. B. auch in Triftern.

Pfarrkirche St. Georg in Amsham (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Erlach (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Filialkirche St. Rupertus in Gumpersdorf (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Nikolaus in Kirchberg bei Simbach am Inn (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)

Romanische Türme waren oftmals aus Würfelgeschossen zusammengesetzt, die zwischen den Ecklisenen Zierfriese zeigen (Rundbogen-, Stelz- und Zahnfries, auch Deutsches Band genannt).
Filialkirche St. Jakobus in Hainberg, mit Rundbogenfries (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Laurentius in Falkenberg, mit Rundbogenfries (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Filialkirche St. Kastulus in Edermanning, mit Stelzbogenfries (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Walburga in Walburgskirchen, mit Zahnfries (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Martinus in Hirschbach, mit Stelzbogen- und Zahnfries (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)

Einige spätere, zur Zeit der Spätgotik gebauten Türme verwendeten diese damals altertümlich wirkenden romanischen Zierformen.

Gleichzeitig zeigen diese Türme typisch zeitgenössische Formen, die sie eindeutig als Bauten ihrer Zeit identifizieren: Kielbögen an Schallfenstern oder Friesen, wie sie im 15. und 16. Jahrhundert gängig waren.
Filialkirche Maria Wald in Wald bei Nöham/Dietersburg (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Waldhof (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Johanniskirchen (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)

Auch Turmdächer waren Gegenstände rückwärtsgewandter Statements.

Manchmal griff man zur Form eines altertümlichen Satteldachs,
anstelle des inzwischen üblich gewordenen Spitzhelms.
Dionys Asenkerschbaumer
Filialkirche St. Johannes der Täufer in Gehersdorf (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Dionys Asenkerschbaumer
Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Oberdietfurt (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Corona in Staudach (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Pfarrkirche St. Maria in Wald bei Falkenberg (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)

Diese Übernahmen aus einer älteren Architektursprache dürften mit dem Willen zur Repräsentation verbunden gewesen sein: sie verweisen auf die alte Tradition des jeweiligen Kirchenbaus. Und „Tradition“ signalisiert „Verlässlichkeit“, damals wie heute.


Dies zu vermitteln, scheint gerade für erst relativ kurz etablierte Wallfahrten wichtig gewesen zu sein, wie jene zur Kirche St. Salvator in Heiligenstadt (Landkreis Rottal-Inn) – der spätgotische Turm zeigt ein romanisches Schema.

Dionys Asenkerschbaumer
Wallfahrtskirche St. Salvator in Heiligenstadt (Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern, Deutschland)
Auch für die zeitgenössisch junge Wallfahrt zur Kirche Hl. Dreifaltigkeit in Kößlarn (Landkreis Passau) scheint das Image des Altbewährten stimmig gewesen zu sein.

Der Ursprungsbau stammt erst aus der Zeit um 1400.
Der 1509 ursprünglich mit Spitzhelm erbaute Turm (heute mit Zwiebelhaube) setzt sich, wie die romanischen Vorbilder, aus einer Reihe von Würfelgeschossen zusammen, die man mit Zierfriesen zwischen Ecklisenen zierte.
Ludger Drost
Wallfahrtskirche Hl. Dreifaltigkeit, Kößlarn (Landkreis Passau, Niederbayern, Deutschland)

Viele Bedeutungen von Türmen, die im Zeitalter der Gotik lesbar waren,
sind heute kaum mehr wahrnehmbar.
Doch eines ist nach einem halben Jahrtausend noch genauso klar wie einst:
Diese Türme sind und bleiben Statements in der Landschaft.
Georg Thuringer, Passau
Georg Thuringer: (Aus der Serie „Vorbei an.“) Schildthurn. Digitalbildüberlagerung, FineArt Print auf Archiv Matt, 2020

Literatur

  • Liedtke, Volker: Anmerkungen zur Baukunst der Spätgotik in Altbayern. In: Ars Bavarica 5/6 1976

  • Boerlin, Paul-Henry, Forssman, Erik, Haug, Ingrid, Kubach, Hans Erich, Prohaska, Wolfgang; Fassade, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. VII (1978), Sp. 536–690; in: RDK Labor, URL: https://www.rdklabor.de/w/?oldid=89456

  • Kurmann, Peter: St. Martin zu Landshut, Landshut 1985

  • Dambeck, Franz: Spätgotische Kirchenbauten in Ostbayern. Passau 1940, ND Passau 1989

  • Nussbaum, Norbert: Deutsche Kirchenbaukunst der Gotik. Darmstadt 1994

  • Weithmann, Michael: Burgen und Schlösser in Niederbayern. Straubing 2013

  • Böllmann, Reinhard, Stephan Kaupe, Dagmar Müller: Landshut, Pfarrkirche St. Jodok. Passau 2014

  • Drost, Ludger: Die Klosterkicher St. Nikola im Mittelalter. Baugeschichte und Raumgestalt im Hinblick auf ihre liturgischen Funktionen. In: Musik und Liturgie in der Diözese Passau im Mittelalter. Bericht der Tagung „Liturgie- und Musikgeschichte der Diözese Passau im Mittelallter und der frühen Neuzeit“, Passau 15.−18. Mai 2019, hg. V. Robert Klugseder. Passau 2020 (Veröffentlichungen des Instituts für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen der Universität Passau 73). S. 109−128

  • Kramer, Kurt und Bertram Jenisch: Die Bürgli-Glocke. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. 3, 2022

  • Huber, Markus T.: Backsteinerne Gewächse aus dem „Rosengarten des Heiligen Römischen Reichs“: Spätmittelalterliche Sakralbauten im Rottal und am Inn. MS 2022 (mit frdl. Genehmigung des Autors)

  • Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (Hg.): Bayerischer Denkmal-Atlas. Die Online-Version der Bayerischen Denkmalliste. URL: https://geoportal.bayern.de/denkmalatlas/






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